-  Ein Bericht  von Heiko Krause -

Kooperationsseminar von INISA und der Evangelischen Akademie Hofgeismar vom 24. - 26. September 2004

Die Evangelische Akademie Hofgeismar mit ihrem romantischen Schlösschen Schönburg gehört seit Jahren zu den festen Partnern der INISA. Diesmal stand Namibia im Mittelpunkt einer Tagung, die Jens Haupt und Wolf-Christian Paes geplant hatten, aber Michael Goldbach und Heiko Krause durchführten, da die beiden Planer aus unterschiedlichen Gründen nicht dabei sein konnten.

 

Den Auftakt machte Dr. Henning Melber, Namibia-Experte und derzeit Forschungsdirektor am Nordic Africa Institute. Er beurteilte die Lage 15 Jahre nach der Unabhängigkeit Namibias wie ein Glas, das der eine für halbvoll, der andere für halbleer hält. Korruption, Nepotismus, aber auch Meinungsfreiheit und Demokratie. Die Nationenbildung findet in Namibia nicht durch Integration, sondern durch Ausgrenzung statt. Weiße Farmer oder Homosexuelle werden als Projektionsfläche für alles verwendet, was abgelehnt wird. Zudem herrscht im Land mehr ein „rule by law“ als ein „rule of law“. Auch die Landpolitik sieht Henning Melber als einen kompensatorischen Versuch, andere Versäumnisse zu übertünchen.

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Foto: Seit Jahren Experte für Namiiba - Dr. Henning Melber

Dr. Matthias Rompel gab einen Überblick über die HIV/AIDS-Epidemie. Weltweit gab es 2003 42 Mio. Infizierte, davon 29 Mio. in Afrika. 2,8 Millionen waren Kinder unter 15 Jahren. Allein in Subsahara-Afrika starben 2,4 Mio. Menschen an der Immunschwächekrankheit. Deshalb kann kein Seminar, das sich mit Afrika beschäftigt, an diesem Thema vorbeigehen. In Namibia sind 23 % der Menschen HIV-Positiv (230.000). Im Jahr 2010 werden 18 % der Kinder unter 15 Jahren Waisen sein.

Dramatische Zahlen, die Dr. Rompel mit ebenso dramatischen Einzelschicksalen untermalte. Immerhin beginnen in 7 von 35 staatlichen Krankenhäusern kostenfreie Behandlungen. Die Kosten für Behandlungen sind gesunken, aber dennoch für die allermeisten Erkrankten unerschwinglich.

Matthias Rompel klärte auch über einen Aspekt auf, der in Deutschland oft verkannt wird. Der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki wies immer wieder auf den Zusammenhang zwischen AIDS und Armut hin. Das wurde im Westen belächelt. Eines ist aber richtig: Vor der Behandlung mit Medikamenten zur Unterdrückung des Virus‘ muss täglich eine volle Mahlzeit eingenommen werden. Wer das nicht gewährleisten kann, kann keine Therapie beginnen. Insofern existiert durchaus ein Zusammenhang, allerdings nicht bezüglich des Ausbruchs der Krankheit.

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Foto: Engagierte Gespräche im Workshop

Pfarrer Mark Beukes berichtete über das soziale Engagement der evangelischen Kirchen in Namibia. Dabei gibt es nach wie vor drei Evangelische Kirchen, die relativ separat arbeiten, eine für Owambo, eine für Nama, Damara und Basters und eine für Deutsche. Trotz offizieller Aufhebung der Apartheid-Regeln fällt es den Kirchen schwer, die jahrzehntelange Trennung zu überwinden. Auch finanziell ist die Situation angespannt. Beukes machte klar, dass das Hauptengagement der Kirchen gegenwärtig dem Kampf gegen HIV/AIDS gilt. Einige Teilnehmer kritisierten, dass die Stimme der Kirche in Namibia gegen Menschenrechtsverletzungen leiser geworden ist. Während die Kirche im Kampf um die Unabhängigkeit die „Stimme der Entrechteten“ gewesen sei, sei heute kaum noch etwas zu hören.

Besonderer Gast der Hofgeismarer Tagung war die namibische Parlamentsabgeordnete Rosa Namises vom oppositionellen Congress of Democrats (CoD). Sie berichtete über die schwierige soziale Lage in Namibia, wo ca. 60 % der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos sind. Sie beklagte auch die Haltung des Staatspräsidenten Nujoma gegen die Kirchen. Nujoma habe erklärt, er kenne nur drei Kirchen, die anderen seien ihm egal. Besonders beeindruckte die Zuhörer die Selbsteinschätzung der Abgeordneten, die im Unabhängigkeitskampf die SWAPO unterstützt hatte: „I got my awakening. I used to be a comrade but now I am a democrat.“

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Foto: Rosa Namises in der Diskussion mit Michael Goldbach


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Foto: Rosa Namises und Inisa-Mitglied Björn Jürgensen

Als letzter Redner gab Prof. Dr. Reinhart Kößler von der Universität Münster einen Überblick über die deutsche Kolonialgeschichte. Dabei ist besonders erschreckend, dass die Kriegsverbrechen in Südwest-Afrika nicht verschwiegen, sondern breit kommuniziert wurden. „Lesen Sie das Generalstabswerk“ rief Professor Kößler mehrfach, wenn Widerspruch im Publikum laut wurde. Während der Genozid an den Herero in Deutschland gerade im Jahr 2004 relativ ausführlich diskutiert wird, bleibt der Krieg gegen die Nama weiterhin im Dunkeln. Allein von den 3.500 Nama, die auf die Haifischinsel deportiert wurden, kam nur eine Handvoll lebend zurück. Kößler machte aber auch klar, dass der Kolonialkrieg zwar das bedeutendste Ereignis der letzten 100 Jahre in Zentralnamibia, für den Norden jedoch weitgehend irrelevant war. Nötig ist ein schlüssiges Gesamtkonzept, wie Deutschland mit den Kolonialverbrechen umgehen will. Das gilt nicht nur für Namibia, sondern z.B. auch für den Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania).

Umrahmt wurde die Tagung durch kulturelle Beiträge. Am Freitagabend las der Berliner Schriftsteller Reinhard Leskien aus seinen Werken. Er hat Lebensgeschichten von „Südwestern“ aufgeschrieben, die ihre Identität im heutigen Namibia noch nicht gefunden haben.

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Foto: Gospelchor Ev. StudentInnengemeinde Oldenburg

Besonders zu erwähnen ist der Gospel-Chor der evangelischen StudentInnengemeinde Oldenburg unter Leitung von Michael Jensen, der mit seinen Stücken den Abend verschönte. Begeisternd vor allem die exotischen Klick- und Schnalzlaute der Lieder der Nama, die für deutsche Sänger schwer zu lernen sind.

Mit über 60 Teilnehmern war diese Tagung sehr gut besucht. Für das nächste Jahr wurde bereits eine neue Veranstaltung ins Auge gefasst. Wer noch nie in Hofgeismar war, hat 2005 wieder eine Chance.

Heiko Krause